Ein paar Fragen, die ich mir beim Lesen von “Tod in Berlin” gestellt habe

Alexander Osang schadet mit seinem Spiegel-Text dem Journalismus und der Debatte um einen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen.Tod im Berghain

Alexander Osang hat im letzten Spiegel einen mindestens fragwürdigen Artikel über den Drogentod einer Amerikanerin geschrieben, die nach einer Nacht im Berghain an den Folgen ihres Konsums starb. Der als Edelfeder geltende preisgekrönte Journalist deutet darin ein angebliches Schweigekartell aus Politikern, Polizisten und Journalisten an, die über eine Tote hinwegsehen würden, um den Mythos eines für Berlin so wichtigen Clubs nicht zu gefährden. Dabei zeigen sich zwei Dinge: Erstens hat der in Ostberlin geborene Osang keine Ahnung von Clubkultur und zweitens sind journalistisch-ethische Zweifel an seiner Arbeitsweise angebracht.

Anstatt über einen tragischen Todesfall aufklären zu wollen setzt der Autor auf maximale Emotion und Schockmomente und belebt damit ein altes Feindbild Konservativer wieder: der böse Club und die böse Musik, die unsere Kids verderben (in diesem Fall Techno, das sich aber durch die Dekaden konservativer Berichterstattung hindurch auch mit Rock’n’Roll, Punk, Disco, Metal oder Hip Hop ersetzen ließe). Dabei gibt es weitsichtige Lösungsansätze, die seit langem diskutiert werden.

In “Groschenromanprosa” beschreibt Osang gefühlig ein amerikanisches Pärchen, das auf eine Weltreise ging, bevor es ihr Leben “auf die nächste Stufe heben” wollte – zwei Liebende, Jennifer und Carlo, die noch einmal raus wollten in die Welt, bevor es ans Kindermachen ging. Das Berghain sei der Höhepunkt auf diesem Trip gewesen, dieses pure “Berlin-Gefühl”.

 

Minutiös baut Osang das Image des Berghain auf, es gelte als “cool, ikonisch, richtig”, beschreibt es als “düstere, neblige und verruchte Bunkerwelt”, beschreibt den fast schon zum Ritual gewordenen Prozess in der Warteschlange zu dieser “apokalyptischen Opferstätte”.

Carlo kauft also irgendwann Ecstasy auf der Straße und es geht in den Club. Jennifers Pille wird vom Türsteher gefunden und ihr abgenommen. Dann, drin: “DJs wie Priester” in den Kanzeln, gemeinsam mit einem Freund saßen Carlo und Jennifer “im Herzen der Welt”. Osang beschwört einen mythischen Ort und damit eine moralische Fallhöhe, an der er dann später das Verhalten des Berghain und anderer Akteure misst.

Im Club werden neue Pillen gekauft, irgendwann schmeißen die Drei jeder eine, gehen tanzen, verlieren sich. Carlo bekommt eine SMS von Jennifers Handy, geschrieben von jemand anderem, er solle hinter die Garderobe kommen, Jennifer brauche Hilfe. Osang beschreibt dann, wie sie da saß, mit der Nachtmanagerin, dass sie Schaum vor dem Mund gehabt hätte. Dass sich die Nachtmanagerin zunächst geweigert hätte, den Notarzt zu rufen. Als dann die Johanniter schließlich gerufen wurden stellte sich heraus, dass Jenifer noch eine zweite Pille geschmissen hatte. Dann: Abtransport, Krankenhaus, Multiorganversagen, Tod an den Folgen des Konsums. Das Berghain, Herz der Welt, hatte sie verschluckt, schreibt Osang.

Kein Interesse an Öffentlichkeit im Rauschgiftbereich

Ab hier scheint sich Osang auf die Suche nach Schuldigen zu begeben. Und da beginnen die eigentlichen Probleme seiner Berichterstattung. Er rekonstruiert die Arbeit der beiden Zivilpolizisten, die zu nichts führten, zitiert den Chef des Berliner Drogendezernats Olaf Schremm, der Dinge sagt wie “Bergheim” oder: “Wissen Sie, im Rauschgiftbereich hat weder Käufer noch Verkäufer Interesse an Öffentlichkeit”. Ach. Oder: “Das Hellfeld lässt ein polizeiliches Eingreifen nicht zu” und im Dunkelfeld “sieht man ja nüscht”.

Anstatt aber der Polizei mangelndes Ermittlungsinteresse anzukreiden, die sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, nach der Nachtmanagerin zu fahnden, und anstatt dem Chef des Drogendezernats nach solchen hahnebüchenen Zitaten Inkompetenz zu attestieren, schreibt Osang dies: “Es wirkt so, als ergebe sich auch Olaf Schremm dem Mythos des Clubs”. Klar, der Mann, der nicht einmal den richtigen Namen des Berghain kennt, ist willfähriger Helfer des Schweigekartells rund ums Berghain.

Dabei ließe sich anzweifeln, ob Osang Schremm beim Interview überhaupt mit dem Fall der toten Frau konfrontiert hat. Denn dass Osangs Interviewpartner vielleicht manchmal im Dunkeln gelassen werden, zeigt die Reaktion des Kultursenators Klaus Lederer auf den Artikel. Der kam darin auch vor. Und fühlt sich getäuscht. Osang hatte Lederer ebenfalls befragt und unter anderem so zitiert:

„In Berlin sind in den Neunzigerjahren diese Orte gelebter Akzeptanz von Unterschiedlichkeit entstanden“, sagt Lederer. „Die Regel ist: ,Leben und leben lassen.‘ Auch den Umgang mit Drogen kann man lernen. Drugscouts sind eine Form der Solidarität. Man muss an solchen Orten die Regeln untereinander aushandeln. Da können sich Politik und Medien nur schwer einmischen. Es hilft auch nicht, da mit einer Hundertschaft Polizei einzumarschieren. Die Klubs sorgen schon selbst dafür, dass sie keine Drogenumschlagplätze werden. Klubs sind weit mehr als ein Standortfaktor. Sie sind Orte von Solidarität und Toleranz und Andersartigkeit. Das ist ein Erfolg von Berlin, dass wir das aushalten. Das muss immer wieder erkämpft werden.“

Wenn Osang dann über so ein Zitat sagt, es sei wie ein “Plädoyer”, “eine Adresse an die Welt”, ertappt man sich schon kurz bei dem Gedanken, dass da vielleicht was dran ist an dem Vorwurf, man würde in Berlin so etwas in Kauf nehmen, um eine vibrierende Clubszene zu erhalten. Das Problem ist nur: Lederer sagte später, er sei zu dem Tod nie befragt worden, sondern nur allgemein zur Berliner Clubkultur:

Gegenüber Übermedien sagte Alexander Osang zwar, er habe Lederer

„darüber informiert, dass ich am Beispiel des Berghain einen Text über die Bedeutung der Klublandschaft in der Stadt schreiben will, der durch den Drogenunfall einer Touristin inspiriert wurde. Und genau darum ging es.“

Übermedien stellte daraufhin aber auch richtig fest, es sei schon komisch, ein Gespräch über die Bedeutung der Klublandschaft anzukündigen, worum es dann im Text aber nicht geht. Sollte es stimmen, dass Osang Lederer nicht gesagt hat, worum es ihm wirklich geht, wäre das nicht nur unsauber gearbeitet, sondern käme schon einer Täuschung gleich, um leichtherzige Antworten zu bekommen. Die kann man dann krass mit dem Drogentod einer jungen Frau kontrastieren. In jedem Fall schiene dann klar, dass es Osang keinesfalls um eine lösungsorientierte Aufklärung ging. Das zeigt auch die effektheischende Art und Weise wie er über Drogen schreibt: “Speed, Ecstasy und GBL sowie Ketamin, ein Betäubungsmittel für Pferde, das in der Szene momentan sehr populär ist.” Natürlich hat das einen größeren Schockeffekt, als wenn man um der Aufklärung willen noch hinzufügen würde, dass etwa Ketamin seit ungefähr zehn Jahren als ein sehr erfolgversprechendes Mittel gegen Depressionen getestet wird.

So viel zur Medienkritik. Etwas anderes ist die Tatsache, dass der Autor anscheinend keine Ahnung von Clubkultur hat und durch seine Berichterstattung auch Lösungsansätze erschwert, die sehr wohl von der Politik und den Clubs diskutiert werden, aber vor rechtlichen Hürden stehen.

Verantwortungsbewusster Drogenkonsum

Ein Problem ist, dass Osang in Bezug auf Drogenkonsum in Clubs die Begriffe Toleranz und verantwortungsvoller Umgang verwechselt: Natürlich weiß jeder, was in Clubs geschieht, das wissen die Politiker, die Polizei und die Clubs selbst. Die einfache, aber für viele schmerzliche Wahrheit ist: es ist nicht zu verhindern. Leute werden weiterhin Drogen in Clubs nehmen, so wie in den USA während der Prohibition weiter Alkohol getrunken wurde.

Und so schlimm es für konservative Ohren klingen mag, aber viele in der Clubszene glauben auch an einen veranwortungsbewussten Umgang mit Drogen. Daher gibt es zum Beispiel Projekte wie Drug Scouts, Mitte der Neunziger von “Menschen aus der elektronischen Musik- und Partyszene gegründet”, die Aufklärung betreiben und zum Beispiel fortlaufend Pillenwarnungen auf ihrer Seite veröffentlichen. Weil das Berliner Publikum sich – einer Studie der Charité nach – noch vor Aufklärung und Prävention ganz einfach saubere Drogen wünscht, wird von der derzeitigen Koalition Drugchecking geprüft und gefordert. Damit gäbe es die Möglichkeit, Drogen zum Beispiel in Clubs auf ihre Reinheit prüfen zu lassen, ohne Angst vor Restriktionen. Aber das Betäubungsmittelgesetz verbietet das. Das wird auf Bundesebene wahrscheinlich so bleiben. Die Berliner Opposition zeigt sich entsetzt über so einen Vorstoß: „Der Besitz von Drogen ist zu Recht strafbar. Es ist daher nicht erklärbar, hier Hilfestellungen zum Konsum zu leisten”, sagt zum Beispiel Sven Rissmann von der CDU.

Tja, Jennifer ist aber trotzdem gestorben. Und es wird weitere Todesfälle geben, solange nicht erkannt wird, dass Aufklärung, Prävention, Qualitätskontrolle sowie die Werbung dafür eben keine Hilfestellungen sind, sondern der Versuch, etwas, das ohnehin geschieht, ein Stück weit sicherer zu machen. Wer es verbietet, macht es gefährlicher. Vieles davon erinnert im Prinzip an die aktuelle Debatte um Paragraf 219a, der es Ärzten verbietet, über Abtreibung zu informieren. Was viele nicht verstehen ist, dass nicht die Abtreibung beworben wird, sondern die für viele notwendigen Informationen darüber. Nicht Drogen sollen beworben werden, sondern Safer Use.

“Be smarter, take a quarter”

All diesen Überlegungen schenkt Osang keine Beachtung. Genauso wenig wie der Tatsache, dass Jennifer vielleicht auch selbst eine Verantwortung trägt oder dass zwei Ecstasypillen, die sie sich am Stück reingestellt hat, selbst für erfahrene Konsumenten ziemlich viel ist: Weil die Pillen auf dem europäischen Markt in den letzten zwanzig Jahren immer stärker wurden, ist die Einnahme von zunächst einer viertel Tablette heute üblich. “Be smarter, take a quarter”. Und selbst in den Neunzigern hieß es noch “erstmal eine Halbe!” Osang zeichnet das Bild einer in diesen Belangen naiven Frau, die unter dem Erwartungsdruck ihrer Eltern lediglich ein Stück weit Freiheit suchte.

All diese Dinge hätte Osang wissen können, wenn er in der Wahl seiner Gesprächspartner nicht so selektiv gewesen wäre. Warum, zum Beispiel, befragte er nicht die Berliner Clubcomission, die Interessensvertretung der Berliner Clubs, die eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit betreibt? Die vernetzt ist, die Betreiber kennt und nicht schweigt, so wie der Autor es dem Berghain immer wieder vorwirft? Von Lutz Leichsenring, mit dem ich selbst schon zu tun hatte, hätte er vielleicht viele Informationen zu seinen Fragen erhalten.

Dann wüsste er zum Beispiel, dass es in den 90ern durchaus täglich Razzien gab, die nichts gebracht haben, weil sie das Problem nur verlagert und obendrein das Geschäft kaputt gemacht haben. Dass es jahrelange Bemühungen von Clubcommission und Behörden gab, die Berliner Clubs als kulturellen (und ökonomischen) Bestandteil der Stadt anzuerkennen. Dass nur durch das fortwährende Gespräch miteinander zwischen Politik, Polizei und Clubs so etwas wie eine Zusammenarbeit entstehen konnte, die solchen Problemen gemeinsam begegnet.

Und das ist kein Schweigekartell und auch keine “Allianz aus Apothekern, Rettungsärzten, Kriminalpolizisten, Klubfunktionären, Sozialarbeitern, Tänzern, Rauchern, Politikern und Personalchefs”, die den “Rohdiamanten, der da am Ostbahnhof rumliegt” schützt. Nein, so etwas nennt sich Kooperation und Professionalisierung einer vormals unregulierten Szene. Und da haben wir es auch schon: Die Berliner Clublandschaft ist nicht mehr die anarchische, ungezügelte Utopie, sie hat sich institutionalisiert. Und die Clubs möchten zumindest nach innen hin die Illusion absoluter Freiheit aufrecht erhalten und schaffen dabei auch faktisch Frei- und Schutzräume für Unangepasste, für Queers und andere, die für ein paar Stunden dem öffentlichen Normierungsdruck entfliehen möchten.

Berghain als Counter Strike

Ein Club, der all das nach außen hin kommunizieren würde, liefe dieser Kultur diametral entgegen und er würde sich damit seiner eigenen Grundlage und Glaubwürdigkeit berauben. Diese Orte werden aufgesucht, gerade um sich einem normierenden Gewaltmonopol zu entziehen. Osang unterstellt dem Berghain und seinem grundsätzlichen Nein zu Öffentlichkeitsarbeit aber, Gras über die Sache wachsen lassen zu wollen. Vor diesem Hintergrund will er auch das einzige existierende öffentliche Statement des Berghain als Drohung, bzw. als Fluch verstanden wissen. “Wir machen weiter wie bisher.”

Woher will Osang das wissen? Er hat mit niemandem gesprochen. Er weiß nicht, welche Konsequenzen der Club intern aus dem Vorfall gezogen hat. Ja, der Club kommuniziert nicht nach außen, aber das muss er auch nicht. Kein Mensch muss mit einem Journalisten reden.

So ein Artikel wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf Journalismus im Allgemeinen. Er ist auch schädlich für eine Debatte, die geführt werden muss, um so etwas künftig zu verhindern, denn er zeichnet ein schablonenhaftes Feindbild von Clubs mit dem Berghain als Gesicht. Ganz so, wie immer auf die bösen Computerspiele geschimpft wird, wenn mal wieder einer mit dem Sturmgewehr durch Schulen zieht. Als würde der Konsum von Partydrogen aufhören ohne Clubs.

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