Nein, Herr Macron, Patriotismus ist nicht “das exakte Gegenteil von Nationalismus”

Foto: Gouvernement français
Bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Endes des 1. Weltkriegs, hat Emanuelle Macron folgenden Satz gesagt: “Patriotismus ist das exakte Gegenteil von Nationalismus.” Was mich daraufhin gewundert hat, ist, dass viele Medien und Social-Media-User diese – meiner Meinung nach wirklich steile These – völlig unhinterfragt wiedergegeben haben. Ein kritisches Wort der Einordnung habe ich zumindest noch fast nirgendwo gelesen. Zitiert wurde auch noch dieser Nachschub, bei dem er dann wohl auch Donald Trump im Hinterkopf hatte: “Nationalismus ist ein Verrat am Patriotismus.” Und weiter: “Wer sagt ‘Unsere Interessen zuerst, ganz egal was mit den anderen passiert’, der löscht das Wertvollste aus, das eine Nation haben kann, das eine Nation groß macht und das Wichtigste ist: seine moralischen Werte.”
Ich verstehe ja, was Macron sagen will – my country first = schlecht. Diese Erkenntnis aber notwendigerweise mit Patriotismus zu verbinden bereitet mir doch irgendwie Bauchschmerzen.

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Historisch entstand der Patriotismus aus dem bürgerlich-revolutionären Liberalismus, der ab dem 18. Jahrhundert (Frz. Revolution, Vormärz, etc.) Monarchie und Feudalismus überwinden wollte und demokratische Verfasstheit auf Grundlage der Nation anstrebte. Aus ihm heraus entstand überhaupt erst der Nationalstaat, den man im Verlauf des 19. Jahrhunderts dann nationalistisch so überhöhte, und damit andere Völker und Kulturen so abwertete, dass sich Europa daraufhin zweimal fast umgebracht hat. Natürlich war das keine historisch notwendige Folge aus dem ursprünglichen Geist des Patriotismus. Dass sich der westliche Nationalsataat jedoch im Verlauf des 19. Jahrhunderts in ein pervertiertes Ungeheuer mit Gottkomplex verwandelt hat, ist nunmal dennoch Tatsache.

Sollte das also nicht auch immer mitgedacht werden, wenn man sich heute positiv auf den Patriotismus berufen will? Lässt sich ein gesundes Verhältnis zu einem problematischen Begriff nicht nur dann finden, wenn wir auch die für uns heute negativen Aspekte mitberücksichtigen und reflektieren?

Inklusion, Exklusion

Patriotismus als Identifikation mit einem Land/Nation hieß eben immer auch irgendwie Exklusion des Fremden/nicht Eigenen. Daran ändert sich auch nichts, wenn Politiker seit einigen Jahren diesen Begriff vor allem als Bekenntnis zur demokratischen Verfasstheit und zu jeweiligen Grundwerten verstanden wissen wollen. Unliebsame Aspekte eines Begriffs fallen nicht einfach weg, nur weil man andere betont. Und Weglassen kann an einem bestimmten Punkt auch zu aktiver Umdeutung werden. Gerade hier muss doch die sogenannte Mitte und das linke gesellschaftliche Spektrum besonders sensibel sein, die der Rechten – zu Recht – Geschichtsklitterung vorwirft.
Ich verstehe auch das Argument, man müsse sich Begriffe, die von der extremen Rechten vereinnahmt und missbraucht wurden, zurückholen. An der Stelle möchte ich aber auch fragen, ob der Patriotismusbegriff überhaupt etwas ist, was wir als positive Selbstbezeichnung zurückhaben wollen? Denn anders als oft suggeriert, war der nie unbelastet von nationalistisch-chauvinistischen Gefühlen.

Was, wenn Patriotismus überflüssig ist?

Vielleicht ist es ja überhaupt zweitrangig, ob der Patriotismus für uns etwas gutes oder schlechtes ist. Vielleicht sollte die Frage heute eher lauten, ob der Patriotismus im 21. Jahrhundert überhaupt noch sinnvoll ist, in einer vollständig globalisierten Welt oder nicht zwangsläufig zu reaktionären Reflexen führen muss.
Zum Beispiel würde ich mir wünschen, dass mehr Energie aufgewendet wird, um einen anderen Begriff vor der Vereinnahmung extremistischer Narrative zu schützen: den des Demokraten. Denn nicht Patrioten sind es, die dafür Sorge tragen, das eine Gesellschaft zukunftsfähig bleibt; im Zweifel können es nämlich viele sein, die sich so bezeichnen und dann nichts lieber täten, als Rechtsstaat und Verfassung abzushaffen.
Nein, Demokraten schützen den Rechtsstaat. Wozu brauchen wir also Patrioten?

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